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Matalascanas
(Auszug)

Magere Hunde stöberten in den Resten des Vorabends und liefen geduckt davon, als sie sich näherten. Durch den schmalen Gürtel der Parkanlagen gelangten sie zur Avenida de Andalucia. Nachdem sie die Hauptstraße überquert hatten, folgten sie den steil ansteigenden Serpentinen, die zwischen weiß gestrichenen Fassaden den Berg hinaufführten. Alles wirkte streng und feierlich, fast bedrückend in der morgendlichen Stille. In dunklen Winkeln hockte wie vergessener Kehricht noch die Winterkälte. Obgleich bereits März, begannen die Tage häufig frostig. Die Sierra lässt den Frühling nicht zu, sagten die Einheimischen.

Am Rand der Siedlung, führte ein steiler Fußpfad hinauf zur Straße. Eine Ziege überquerte mit ihnen die staubige Piste und verschwand am jenseitigen Berghang. Javier saß frierend im Wagen, als sie einstiegen. Eineinhalb Stunden später hielten sie an einer Schotterstraße, die hier urplötzlich endete.
„Von hier aus nur noch zu Fuß. Was wollt ihr eigentlich in dieser entlegenen Gegend?“ Javier wendete den Wagen.
„Nur ein kleiner Erkundungsgang, mein russischer Freund interessiert sich für die Pflanzenwelt der Region.“
Javier nickte, hob die Hand zum Gruß, und gab Gas.

Sie folgten einer kaum sichtbaren Trittspur, die zwischen verkümmerten Olivenbäumen hindurchführte. Als sie außer Atem gekommen auf einer Geröllterrasse Halt machten, spürte Max die Wärme, die sich in seinem Körper auszubreiten begann. Sie gingen weiter, kletterten fast eine Stunde durch eine Felsschlucht hinauf, durch deren Grund sie ein dünnes Rinnsal plätschern hörten und gelangten auf einen schmalen Steig, der am Hang entlang verlief, sich in einzelne Pfade verzweigte und schließlich nicht mehr aufzufinden war.

„Das war nicht anders zu erwarten. Kein Weg, keine Markierung, gar nichts. Hier scheint die zivilisierte Welt zu Ende zu sein. Nichts als nackter Fels und kahle Hänge.“
„Etwas hast du vergessen!“
„Was?“
„Ziegenscheiße!“ Schenja grinste sein breitestes Lächeln unter der Mütze hervor und hielt Max eine Tüte unter die Nase.
„Hier, probiere mal. Getrockneter Fisch.“
„Schmeckt besser als es riecht“, rief Max auf der zähen Masse kauend.

Er hatte Schenja mitgenommen, weil er der verschwiegenste von den verschwiegenen Russen in der Gruppe war. Und Max hatte etwas gut bei ihm. Seit Schenja sich in eine Musikerin vom Konservatorium in Granada verliebt hatte, waren seine Ausgaben rapide gestiegen. Max hatte ihm, all seine Prinzipien außer Acht lassend, ausgeholfen, weil er ihn sofort verstand, als er Alina kennen lernte.
„Was willst Du? Wenn hier jeder Quadratzentimeter touristisch erschlossen wäre, würden uns zu viele aufmerksame Augen folgen.“ Schenja eilte voraus. Ohne Anstrengung stieg er den Berghang hinauf und Max beeilte sich ihm zu folgen. Sie brauchten eine weitere halbe Stunde, bis sie die Höhe erreicht hatten. Vom kahlen Bergrücken hatten sie einen weiten Blick über die vor ihnen liegende Gebirgslandschaft.

„Es gibt wirklich keinen Grund, weshalb sich jemand die Mühe machen sollte, hier heraufzukommen. Dort drüben wird immerhin noch Ski gefahren, aber hier gibt es nichts.“ Schenja wies mit ausgestreckter Hand nach Osten, wo die verschneiten Gipfellagen der Sierra Nevada im Morgenlicht schimmerten.
„Schon vor Jahren wurde hier ein Nationalpark eingerichtet, den niemand ohne Führer betreten darf.“
„Außer uns natürlich!“
„Richtig!“ Max stellte den Rucksack ab, faltete die Karte auseinander und setzte sich neben Schenja auf ein grasbewachsenes Felsband. „Hier, direkt vor uns muss das Tal des Rio verde sein. Es ist tief eingeschnitten, wir können den Fluss nicht sehen, aber hörst du ihn?“

Schenja hielt im Kauen inne und beugte sich lauschend nach vorn. „Hast recht, klingt nach einem Fluss, muss aber sehr tief unten sein. Deine Karte gibt nicht viel her, miserabler Maßstab.“
„Als Übersicht ist sie nicht schlecht. Wir müssen dem Flusslauf Richtung Westen folgen, dann werden wir sehen.“
„Was werden wir sehen? Du kannst kein Telefon ohne deine Lesebrille bedienen, wie willst du dann in dieser Einöde etwas finden, ohne mir etwas davon mitzuteilen? Wie soll ich dir helfen, wenn ich nicht weiß, wonach wir suchen?“
„Mach dir darüber keine Gedanken.“ Max sah Schenja von der Seite her an, das markante Profil mit den breiten, hervorstehenden Wangenknochen. Vom ersten Tage an, war er überzeugt, mit Schenja einen, mit allen Wassern gewaschenen, grundanständigen Jungen vor sich zu haben.
„Ich habe dich gebeten keine Fragen zu stellen. Können wir es dabei belassen?“

Schenja kaute weiter an seinem Brötchen. Max reichte ihm ein Stück Käse und sah über die Endlosigkeit der felsigen, teilweise begrünten Bergrücken. In den Tälern lagerten wie Nester weiße Wolkengebilde, die sich mit der aufsteigenden Sonne verflüchtigten. Baumbestände waren von hier aus nicht zu sehen, den einzigen Anhaltspunkt bot das Flusstal vor ihnen. Er hatte nur grob berechnet, wie weit die Stelle von Otivar entfernt sein müsste, wenn der Verfasser der Aufzeichnungen dafür zwei Tage gebraucht hatte. Die Unwegsamkeit des Geländes hatte er vor Augen, den genauen Weg hingegen, den der Unbekannte nahm, konnte er nur ahnen.
Jeder folgt da subjektiven Eingebungen, der eine entscheidet sich, einen Felsgrat zu umgehen, ein anderer nimmt ihn im direkten Anstieg. Schenja war den Berghang wie eine Gämse hinauf geturnt, er selbst hatte den Weg über allmählich steigende Serpentinen gewählt und länger gebraucht. Der Verfasser der Aufzeichnungen war jung gewesen, so jung wie Schenja? Und er war von gänzlich anderen Motiven geleitet als sie selbst. Hinzu kam, dass die Vegetation sich durch den Bau zahlreicher Staubecken verändert haben konnte. Ob an den Ufern des Rio verde noch immer Steineichen und Waldkiefern stehen, wissen wir erst, wenn wir dort sind.

„Nun, zu welchem Ergebnis bist du gekommen? Wo fangen wir an? Wie geht es weiter großer Wesir?“ Schenja hatte seine Tasche umgehängt und blickte ihn spöttisch an.
„Wir folgen dem Flusslauf Richtung Westen, bis wir an eine Hochebene gelangen, von der das Gelände steil abfällt. Am Flussufer stehen wahrscheinlich Bäume, es könnten Steineichen und Waldkiefern sein und Wacholder wächst dort auch.“
„Wird schon nichts schief gehen mit so einer detaillierten Wegbeschreiben werden wir ganz sicher finden was wir suchen, selbst wenn wir nicht wissen, was es ist.“ Schenja hatte wieder sein spöttisches Grinsen im Gesicht.
„Los, las uns weiter gehen, die Tage sind kurz um diese Jahreszeit.“ Max stieß einen Stein mit dem Fuß den Berghang hinab. Sie hörten keinen Aufprall, achteten aber nicht darauf.
„Warte, vielleicht interessiert dich das ja.“ Schenja zog aus seiner Tasche eine Mappe hervor und entnahm ihr einen vielfach gefalteten Bogen.
„Was ist das?“ Max schaute ihn verwundert an. Schenja breitete das Papier aus, es waren mehrere mit Klebeband zusammen gesetzte Blätter. „Luftaufnahmen aus dem Internet, von der Gegend, die du mir gestern Abend als unser Ziel genannt hast.“ Sie beschwerten die Ecken mit Steinen und ließen sich auf die Knie nieder.
„Dieser gewundene Taleinschnitt ist das Tal des Rio verde. Die Aufnahmen sind vom vergangenen Sommer, kaum Wasser im Flussbett.“ Max folgte Schenjas Finger dem gewundenen Flusslauf von Otivar entlang. Ein Stück weit verlief er parallel zu einem weiteren Fluss, der nicht benannt war, weiter westlich wurde das Tal enger. In der Unregelmäßigkeit der chaotisch aufeinander folgenden Berggrate und Flusstäler, den nackten Felsschrofen und begrünten Hängen, gab es eine kleine Auffälligkeit, etwas, was der Unregelmäßigkeit widersprach, etwas woran das Auge beim zweiten Blick haften blieb. Eine zum Tal des Rio verde sanft geneigte Hochebene, und an ihrem nördlichen Ende, etwas, das nicht durch Urkräfte, nicht durch Eruptionen oder Gebirgsfaltung, oder Erosion geschaffen war. Eine Regelmäßigkeit, ein nahezu rechteckiges Geviert, in seiner Winzigkeit, kaum zu erkennen, aber doch mit Gewissheit auszumachen.

Max atmete hörbar aus, rutschte auf den Knien ein Stück zum linken Kartenrand. „Genau da müssen wir hin“, sagte er mit belegter Stimme und zeigte auf das kleine Viereck. Er strich einen Grashalm vom Oberschenkel.
„Kannst du mir behilflich sein? Du verstehst doch etwas von Frauen?“
„Hilft uns das jetzt weiter?“
„Ob du eine siehst, meine ich?“
„Hier in der lausigen Einöde eine Frau?“
„Hier auf der Karte. Siehst du hier auf der Karte eine Felsformation, die einer großen liegenden Frau ähnelt? Dort am Rande des kleinen Vierecks muss es sein, am nördlichen Ende zum Fluss hin, wo der grüne Waldsaum ist.“
Schenja beugte sich tief über die Karte und musterte den bezeichneten Abschnitt. „Nichts, beim besten Willen keine Spur von einer Frau, dafür hätte ich genau diesen Teil der Karte vergrößern müssen. Aber du wolltest mir ja nichts sagen.“
Er sah Max resigniertes Gesicht, griff in die Jackentasche, zog aber die Hand nicht wieder heraus. „Max ich will nicht wissen, was du suchst, selbst dann nicht, wenn du es gefunden hast. Ich bitte dich nur um eins. Kein Wort von Alina, wenn wir wieder zu Hause sind.“
Max nickte wortlos.
„Gut, dann werden wir sie damit wohl die Felsenbraut finden.“ Schenja zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und drückte eine Taste. „Siehst du den roten Punkt, das ist unser Standort. Wir wissen zu jeder Zeit genau wo wir sind. Ich vergrößere den Kartenausschnitt vom nördlichen Rand des kleinen Viereckes.“ Max sah gespannt auf das Display, das Bild war unscharf, verwaschen, konturlos Grau. Schenja zoomte noch näher heran.
„Das gibt es nicht, verdammt, das kann nicht wahr sein!“
Max riss ihm das Telefon aus der Hand. „Wir haben sie, genau dort müssen wir hin. Eine große liegende Frau, siehst du die Rundung ihres Beckens, die Schultern? Wie weit ist das von hier entfernt?“ Max gab Schenja das Telefon zurück. „Vier Kilometer Richtung Westen, Luftlinie.“
„Wenn das Gelände nicht zu schwierig ist, schaffen wir es in einer Stunde.“

Michael Kriegel
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