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Der Mann im Regen

Ich sah den Mann im Regen gehen und hielt den Wagen an, da vor mir die Warnblinkleuchten zum Halt zwangen. Wie erleichternd, nicht mehr weiter zu müssen. Manchmal ist es gut, wenn etwas außer uns zum Halten ruft. Ich ließ das Seitenfenster herab, es schien länger zu dauern, auch die ungeduldigsten hatten ihre Motoren verstummen lassen und wir waren der betäubenden Stille ausgesetzt. Ich nahm den Geruch von Regen auf warmen Asphalt wahr.

Dann sah ich den Mann. Ohne Eile, als sei jeder seiner Schritte ein Vergnügen, ging er einen nassen Wiesenhang hinunter. Unbekümmert streiften seine Hosenbeine die hochstehenden nassen Gräser.

Er schien in keine meiner Kategorien zu passen. Nicht Tourist, noch Wanderer, kein Spaziergänger mit oder ohne Hund, kein Penner, Vagabund. Vielleicht war es das, was mich verunsicherte. Dass er nicht den Erwartungen des Gewohnten entsprach. Dass er mich in Erstaunen versetzte, wie er den Rain eines frisch abgeernteten Getreidefeldes abschritt. Erhobenen Hauptes, jedoch nicht dem Regen trotzend, sondern das strömende Wasser empfangend, wie einen Segen.

Ich verspürte den Wunsch ihm zu folgen. Den Impuls, den Wagen und alles zurücklassen. Die Tür zuzuschlagen hinter dem alten Leben, um zu sein, was seine Erscheinung verhieß, vielleicht frei. Ich zögerte. Ich traute mich nicht und sah ihm mit einem Bedauern nach, das mich erschütterte.

Er kannte mich nicht, hatte mich nicht wahrgenommen, konnte mich gar nicht gesehen haben. Ich war nur einer der Insassen unzähliger Wagen, die hinter regennassen Scheiben in ihren kleinen Blechgehäusen saßen. Er hatte keine Ahnung von mir und dennoch fühlte ich mich zurückgelassen. Alleine und im Stich gelassen, ja seiner unwürdig. Unwürdig ihm zu folgen.

Am Feldrain blieb er stehen, pflückte von einem knorrigen Baum einen Apfel, besah ihn sich, biss hinein und ging langsam weiter.

Der Feldrain führte in einem weiten Bogen, von der Bundesstraße fort. Am Ende war ein ferner dunkelgrüner Wald. Der Regen wurde stärker und die Motoren wurden angelassen. Ich fuhr endlich wieder. Ich war in Bewegung. Ich gehörte dazu. Das Gefühl der Verlassenheit schwand. Und es tat weniger weh. Denn jetzt entfernte nicht nur er sich von mir, sondern auch ich mich von ihm.

Doch meine Gedanken blieben bei ihm. Sein Alter war schwer auszumachen. Er trug eine olivfarbene Regenjacke. Als der Regen stärker wurde, machte er Halt unter einem großen Baum, dessen grün belaubten Äste weit über den Rand des Feldes hinaus reichten. Er sprang über den Graben, der zwischen Baum und Feld verlief, holte aus seinem Rucksack eine schwarze Regenhose hervor und streifte sie über. Jetzt konnte ich zum ersten Mal sein Gesicht für einen Augenblick erkennen. Ich achtete nicht auf Anzeichen von Jugend oder Alter, ich sah keine glatten Wangen oder eine faltengefurchte Stirn. Der Gesamtausdruck dieses Gesichtes war von so überraschender Heiterkeit, dass ich nichts anderes wahrnahm. In seinen Augen leuchtete nicht die Verzückung des Gläubigen, nicht der gefährliche Glanz des Irren. Es war ein Ausdruck von stillem Einverständnis und Befriedigung, der sich verstärkte, je mehr der Regen zunahm. Er hängte den Rucksack über die Schultern, sprang über den Graben zurück und folgte dem Bogen des Feldrains durch nasses, hochstehendes Gras, das seine Schuhe durchtränkte, ohne dass er sich daran störte. Sein Weg führte zu hohen Bäumen, die an den Ufern eines Wasserlaufes standen. Er überstieg einen Weidezaun, gelangte auf eine nasse Wiese und folgte der hohen Baumreihe. An einem Pflaumenbaum hielt er und pflückte eine Handvoll Früchte. Langsam weiter gehend öffnete er eine nach der anderen, biss erst die obere Hälfte ab, dann drückte er den Stein aus der Frucht, nahm ihn in den Mund und lutschte das süße Fruchtfleisch ab. Dann spuckte er den Kern in weitem Bogen aus und aß die zweite Hälfte. Im Weitergehen schien er zu zögern, seine Hände waren klebrig vom süßen Saft der Pflaumen. Er streckte beide Arme nach den Seiten aus und drehte die Handflächen nach oben, so dass der fallende Regen sie benetzte. Er rieb die nassen Hände aneinander und schüttelte das Wasser ab. Er beugte sich herab, streifte mit beiden Händen durch das von Regenwasser triefende Gras, bis sie sauber waren.

Unbekümmert vom fallenden Regen setzte er seinen Weg fort. Die Baumreihe wurde durch eine schmale Straße unterbrochen. Hier führte der Bach unter einer Brücke hindurch. Er ging die Straße entlang, an den wenigen Häusern eines Dorfes vorbei. Es war Freitagabend, aus den Gärten hörte er Stimmen und roch den Duft von gebratenem Fleisch. „Melanie“ rief eine Frauenstimme „zieh deine Jacke über!“

Der Mann folgte der ansteigenden Straße, die aus dem Dorf hinausführte. Oben an der Wegbiegung stand ein Baum mit breiter Krone unter dem es trocken war. Er setzte sich auf einen Wurzelknorren und schaute zurück. Und da erkannte ich ihn.

(Auszug aus „Aufzeichnungen eines Waldläufers“)

Michael Kriegel
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