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Waldfisch und Meerfrau

Ich fahre zu ihr, gleich am Wochenende nach meinem Geburtstag. Ich kenne den Weg. Weiß den Bahnsteig, von dem der Zug die Stadt verlässt, um Minuten nach der Abfahrt im schwarzen Schlund des Tunnels zu verschwinden und wieder aufzutauchen im Goldgrün der Wälder. Ich habe meinen Besuch nicht angekündigt. Sie würde es ablehnen, wenn sie ahnte, dass ich komme. Und dieses Mal allein. Und doch weiß ich, dass sie es will. So sehr wie ich selbst.
Die Bahn trödelt durchs Flusstal, zwei Momente lang ist unten helles Glitzern, als wir über die Brücke rollen. Am Ausstieg, den Daumen schon am roten Knopf, pulst Verlangen in mir auf. Der Duft ihrer Haare durchrieselt mich wie eine eben verabreichte Injektion. Ich schmecke ihre Haut in meinem Mund.
Ich laufe am Fluss entlang und sehe schon von weitem die verschlossenen Terassentüren. Rosa ist nicht zu Hause.

Als wir zum ersten Mal an die Ostsee fuhren, war ich zwölf und Rosa wollte nicht glauben, dass ich noch nie das Meer gesehen hatte. Kein Mittelmeer, nicht den Atlantik, nicht die Ostsee.
„Junge dann wird es aber höchste Zeit.“ Es war keines der üblichen Erwachsenenlächeln, als sie mich dabei ansah. Ich setzte mich zu Fredi auf die Rückbank und die Reise begann.
Als wir zum ersten Mal ans Meer fuhren, verschlief ich die Hälfte der Fahrt. Ich erwachte, als der Wagen langsam über holprigen Untergrund schaukelte. Vom Schlaf benommen sah ich honigfarbene Kiefern in der Nachmittagssonne. Rosas Haar streifte mein Gesicht, als sie sich über mich beugte. „Komm, wir zeigen dir das Meer.“
Jeden Tag schwammen wir zur Sandbank. Wir ruhten im flachen Wasser, es tat gut, eine Weile festen Grund zu haben. Dann durfte ich auf Rosas Schultern klettern und kopfüber ins Wasser springen. Ihre Haut schmeckte nach Salz und Grün und Baumrinde. Ich mochte es sie anzufassen. Ich hätte sie gern angefasst, als wir danach im warmen Sand lagen. Die Wolken schauten weg und Fredi spielte Fußball mit den Großen. Langsam tropfte das Wasser von unseren Körpern auf das Handtuch. An ihren Wimpern hingen winzige Tröpfchen.
„Was ist?“, fragte sie mit geschlossenen Lidern.
„Ich habe so eine schöne Mutter nicht.“ Sie öffnete die Augen, legte stumm den Zeigefinger über ihre Lippen und sah mich lange an.
Am vierten Tag war das Meer steingrau. Rudel lang gestreckter Wogen pirschten sich heran. Wir hatten ablandigen Wind und Schwimmverbot. Fredi war viel größer und kräftiger als ich, was sollte passieren? Nie schwamm ich so leicht. Aufgehoben von den Wogen trugen uns die Wasser zu der Stelle. Nein hier war es nicht. Etwas weiter bestimmt. Wir tasteten mit den Füßen nach Grund. Fredi hielt mich, als ich Meerwasser spuckte. Klein und sehr fern war der Strand mit den Kiefern. Wir waren weiter draußen als je zuvor. Die Sandbank hatte das Meer mitgenommen. Jetzt war die Strömung spürbar. Es brauchte Kraft dagegen anzukommen. Ich hatte zu wenig. Kleiner Waldfisch hatte mich Rosa genannt. Fische sind ausgezeichnete Schwimmer, das Wasser ist ihr Lebensraum. Unserer ist das Land, Erde, Steine, Felsen, Sand. Ich wollte dahin zurück.
Wir kamen kaum voran, nur eine Sekunde ruhen und die Strömung nahm uns wieder mit hinaus. Ich sah Fredis Kraft, er hätte schneller sein und an sich denken können. Aber er blieb. Ich hatte mich erschöpft auf den Grund sinken lassen. Als ich auftauchte, um Atem zu schöpfen, kam eine Welle und schleuderte mich erneut in die Tiefe. Ich war froh, wenigstens das Meer gesehen zu haben. Und Fredis Mutter. Noch froher war ich, sie kennengelernt zu haben. Gurgelnd schluckte ich Wasser, als auf einmal Rosas Gesicht bei mir war. Sie umfing mich und nahm mich mit nach oben. Ich spürte ihre Stärke als ich ihren Körper umschlang und sie mich landeinwärts schwimmend auf dem Rücken trug.
Lange Strecken waren wir unter Wasser. Dann kamen wir hoch nach Atem ringend und sanken wieder. Der Himmel wurde weich, die Kiefern dunkelgrün. Die Meerfrau trug mich durch die Wogen. Nie war ich so geborgen. Nie war es erlaubt, ihr so nahe zu sein. Süßer als Meerwasser und Sand schmeckte ihre Haut. Ich durfte der kleine Reiter sein. Mit sanftem Schenkeldruck gab ich ihr die Sporen und ließ die Zügel fahren. Egal wohin nur nahe wollte ich ihr sein.
Meine Lippen klebten in ihrer Halsbeuge, als wir den Strand erreichten. Sie rollte sich auf die Seite und lag bei mir. Sonnentropfen rannen von ihrer Haut. Warmer Atem streifte mein Gesicht. „Ein Waldfisch ist kein Seefisch.“ Ihre dunklen Augen hatten einen eigenartigen Schimmer. Mit den Spitzen ihrer Finger strich sie Sand von meinen schmalen Schultern.
Fredi kam über die Dünen gerannt, weinte plötzlich, umarmte mich und seine Mutter. Rosa trocknete mich mit dem Badetuch ab und trug mich ins Zelt. Ich wollte sie nicht loslassen. Es war so gut meine Wange an ihre Schulter zu schmiegen. Wasser tropfte aus ihrem Haar als sie die Kissen aufschüttelte und den Reißverschluss meines Schlafsacks zuzog. Ich sah Ihr besorgtes Gesicht durch halb geschlossene Lider.
„Ruh dich aus kleiner Waldfisch.“ Sie legte ihre Finger auf meine Lippen. Ich nahm ihre Hand und küsste sie, wie ich es in den alten Filmen gesehen hatte. Leise lachend schüttelte sie den Kopf und deckte mich zu.
Es war Nachmittag, als ich erwachte. Rosa hatte Hühnersuppe gekocht. Wir saßen am Tisch und löffelten von dampfenden Tellern. Der Wind schüttelte Kiefernnadeln herab, unschuldig weiße Wolken segelten am Horizont. Die blaue Weite war wieder da. Wir haben nie mehr davon geredet.

Ich war noch so klein, als ich das erste Mal auf der Bank vor Rosas Haus saß, dass meine Füße in der Luft baumelten. Wie versprochen, durfte ich häufig mit Fredi in den Ferien zu ihr. Und im Sommer fuhren wir immer ans Meer.
Es sind sechs Jahre vergangen. Am anderen Flussufer wird das letzte Boot fest gemacht. Der Pavillon ist geschlossen, an dem vergessen die Eisfahne hängt. Hinter mir fällt eine Gartentür ins Schloss. Späte Vögel fliegen auf und lassen sich in Uferbäumen nieder. Dunstschleier lagern überm träge fließenden Wasser.
Sie kommt den Weg am Fluss entlang. Das Wiedererkennen ihres Körpers, der mich trug, der mich rettete, lässt mich zittern vor Erregung.
„Jonas?“, ruft sie und ihre Gesicht wird hell. Aber da bin ich schon bei ihr. Sie kann ihre Überraschung nicht verbergen darüber, dass sie sich nicht mehr bücken muss, um mir ins Gesicht zu schauen. Wir sind beide verlegen, als wir dessen gewahr werden.
„Der Waldfisch hat sich gemausert.“
Etwas klingt in mir, als wir zusammen durch den Garten gehen. Die Wärme der Wohnung, das Wissen, zum ersten Mal allein zu sein, lässt Bastionen lautlos fallen. Wenn wir zugleich einatmen, kommen wir uns nahe und berühren uns wie damals. Bloß an anderen Stellen. Der Fluss schaut zu uns hoch im Abendlicht. Ich weiß nicht was ich darf, nur was ich will, so sehr. Sie riecht nach Tannen, Erde, Laub und Gras. Ihr Atem geht rasch und Abendschein flirrt über ihre Wangen, als sie meine Hand auf den Weg bringt. Die Spitzen meiner Finger tauchen in den Goldsaft. „Waldfisch du musst hungrig sein.“
Nach dem Essen sind wir auf der Terrasse. Die Armlehnen unserer Stühle reiben aneinander, wenn wir uns bewegen. Wir bewegen uns nicht. Sind erleichtert im Wissen darum, dass ich nicht mehr fahren werde. Kein Zug mehr, der mich fort bringt heute Nacht. So nah ist ihre schmale braune Hand, kleines wildes Tier, das mich jetzt streift und hält und führt. Unten nagen schmatzend Wellen am Schilf. In der Feuerschale atmet Glut. Wir gehen hinein ohne Licht zu machen.
Ihre Lippen schließen meine Augen, öffnen meinen Mund. In meiner Mitte ist ihr Atem und wir steigen höher auf der Himmelsleiter des Begehrens. Meine Zunge kostet ihren Schoß und Haut und Haar. Dann kommt sie über uns, die große Woge, deckt uns zu. Waldfisch will ich sein und geh verloren, so wie sie verloren geht in mir.
Draußen träumen Wolkenhaufen. Das Feuer ist noch wach und rückt zum Schlafen sich zurecht. Sie hat mich gerettet. Sie ist meine Meerfrau, die mich durch die Wellen trägt. Wir sind weit draußen und ich schmiege mich an ihren Rücken, der nicht so groß ist, wie ich damals empfand, als ich klein war. Ich hatte keine Kraft mehr, gegen die Wellen zu kämpfen, nur noch mich festzuhalten und sie nie mehr loszulassen. Und jetzt sind wir beide groß.

(Preisträgergeschichte des Menantes-Literaturpreises für erotische Dichtung 2022)

Michael Kriegel
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