Das Haus am Ende der Rennbahn
(Auszug)
„Raus mit euch, ihr Sackgesichter!“
Die Tür fliegt auf und Richter tritt brutal gegen Uwes Bett, so dass es einen halben Meter übers Linoleum schlittert. Trotz des Gebrülls liegt der Junge, den ich noch nicht kennengelernt habe, weiter in schwerem Schlaf. Richter packt sein Bettgestell am Fußende, reißt es hoch und lässt es auf den Boden knallen. Dreimal donnert Stahlrohr auf Beton.
„Raus, raus, raus!“, brüllt er mit sich überschlagender Stimme. Als hätte er nachts wach gelegen und sich in eine Wut hineingesteigert, die sich nun endlich Bahn brechen darf.
Karsten und ich sitzen frierend auf der Bettkante.
„Hierbleiben!“
Wir dürfen nicht aus dem Zimmer. Erst wenn alle so weit sind.
„Nur geschlossen und in voller Mannschaftsstärke!“, brüllt Richter.
Noch zwei andere Jungen reiben sich die Augen, rollen sich schlaftrunken von ihren Betten und stehen schwankend daneben.
Richter geht rüber zu Tinos Bett an der Wand.
„Wir kriegen Kollektivstrafe. Scheiße. Kein Frühstück fürs ganze Zimmer“, flüstert Karsten mir zu. Keine Ahnung, was das bedeutet. Er winkt ab, als sei jetzt keine Zeit für Erklärungen.
Tino ist winzig. Ohne den dunklen Haarschopf auf dem Kissen ahnt man kaum die kleine Gestalt, die sich unter der Decke krümmt. Richter reißt mit einem Ruck das Bettzeug weg und hält es angewidert von sich fort.
„Schon wieder eingeschifft, kleine Drecksau!“
Tino hat die Knie bis ans Kinn gezogen. Die Unterarme sind um den Kopf geschlungen, so dass sich die Ellenbogen vor der Stirn berühren. Ohne Decke wirkt sein Körper noch verlorener und ausgeliefert. Die dünnen Lippen zittern in seinem blassen Gesicht.
„Kleine Lektion gefällig, mieser Bettseicher? Kannst du haben!“
Grinsend schleudert Richter die Bettdecke auf den Boden.
Tino schläft, Tino ist gar nicht da. Er hält die Augen fest geschlossen, kann nichts sehen von allem, was um ihn herum geschieht. Wie ein Kokon in der warmen Erde liegt er eingekapselt und unerreichbar fern in seiner Traumwelt.
Langsam geht Richter auf sein Bett zu, greift eine Ecke vom Laken und zieht es mit plötzlichem Ruck fort. Tino wird zweimal um sich selbst gedreht und kugelt über den Boden, wo er neben dem nassen Klumpen Bettzeug liegen bleibt. Dann ist Richter über ihm, atmet mit einem kurzen Schnauben ein und kräuselt angeekelt seine fleischigen Lippen.
„Muss gründlich ausgelüftet werden, das kleine Stinktier.“
Er packt ihn am Kragen des dünnen Hemdes, geht zum offenen Fenster und streckt den Arm hinaus über den Abgrund.
Jetzt sind Tinos Augen offen. Augen, die weit geöffnet auf das Granitpflaster zehn Meter unter ihm schauen. Er versucht, sich aus Richters Griff zu winden, um zu entkommen und alles für immer hinter sich zu lassen. Sein Schrei hallt durch den kalten Morgen und lässt mich erstarren. Zerschollen ist die Illusion vom Ferienlager.
„Was tust Du da!“ Schwester Anita mit der dampfenden Teekanne kommt herein. In zwei Sätzen ist sie am Fenster und zieht Richter zu sich. Tino fällt kreidebleich in ihren Arm. Sie holt aus und knallt Richter die Blechkanne an den Kopf. Etwas wie Befriedigung glänzt in ihrem Gesicht, als er stöhnend zu Boden geht.
„Raus hier Jungs, seht zu, dass ihr noch etwas zum Frühstück bekommt.“
Ihr Atem geht heftig, aber ihre Stimme ist ruhig.
„Martin, Karsten, nach dem Frühstück zum Wäschetausch!“
Hemd, Pullover, Hose. Nie war ich so schnell in meinen Kleidern“
„Karsten, nimm das mit hinunter!“ Sie reicht ihm die dampfende Kanne, die so schwer ist, dass er sie mit beiden Händen tragen muss.
Tinos sehnige Beine umklammern Anitas Hüften. Beide Arme hat er fest um ihren Hals geschlungen. Sein zerzaustes Haar klebt an ihrer Schulter. Schluchzen schüttelt den kleinen Körper und Anitas Kleid ist von seinen Tränen nass.
Wir stehen an der Tür und wollen schnell hinunter, um noch etwas vom Frühstück zu erwischen. Doch Anitas schmeichelnde Stimme hält uns auf der Schwelle fest.
„Schsch, Schsch, ist gut, mein Kleiner. Ist ja gut, mein süßer Kleiner.“
Sie streichelt die blassen Wangen und pustet ihren warmen Atem ins Haar des kleinen Jungen. Sie hebt den Blick über Tinos schmale Schultern und sieht, wie wir gebannt an der Treppe stehen. Und dann sagt sie es noch einmal.
„Ist gut, mein Kleiner. Ist ja gut, mein süßer Kleiner.“
Michael Kriegel
Nature Writing
Michael Kriegel
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